Begegnungen

Kleine Anekdoten meiner Begegnungen als Clown Albert mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen.

Ganz nüchtern

Die fünf älteren Damen sitzen um den langen Tisch des Gemeinschaftsraums und freuen sich am Clown und der Musik. Es ist eine gemischte Gruppe – von orientierten und demenziell eingeschränkten Frauen. Auch wenn die Freude an den Liedern spürbar ist, nur wenige stimmen in den Gesang mit ein. Nach „An der Saale hellem Strande“ überlegt der Clown, was als nächstes Lied passen könnte. Er sagt, mehr zu sich: „Was haben wird denn noch?“ Darauf von einer eher stillen Dame am Kopfende des Tisches: „Hunger.“

Seriös geschminkt

Frau Heist hat es, etwas wackelig, vom Bett bis zum Sessel in ihrem Zimmer geschafft. Sie strahlt den Clown an, der sich ihr gegenüber setzt. „Eine schöne rote Nase“, sagt sie und stupst diese vorsichtig mit einem Finger an. „Und so schön geschminkt.“ „Na ja, ich bin ja auch als Clown unterwegs“, antwortet der Clown. Sie nickt. „Und Sie wollen ja auch ernst genommen werden.“

Alles eine Frage der Zeit

Der Stolz als Mutter bleibt. Auch bei Frau Heist mit Ende siebzig. Die Fotos der beiden Kinder stehen im Regal, zeigen zwei eher ältere Herren. „Die sind gute geraten“, sagt der Clown. „Ja“, sagt sie nach einer kleinen Pause, „sind nette Jungs.“ Darauf der Clown: „Na, die Mama ist ja auch nett.“ „Wenn sie Zeit dazu hat…“

Glücklich verheiratet

Es ist die Zeit des gemeinsamen Kaffeetrinkens im Speiseraum. Man trifft sich zum ersten Mal, die alte Dame in dem lila-geblümten Pullover und der Clown. Sie schaut ihn an, er schaut sie an. „Ich heiße Albert“, sagt er ihr ins Ohr. „Und ich bin eine verheiratete Frau“, antwortet sie leicht entrüstet. „Und außerdem viel zu alt für Sie, ich bin 86.“ Später lässt sie sich aber doch Kuchen anreichen, die Ehe scheint deshalb nicht gefährdet.

Gesicht wahren

„Wer sind Sie?“ fragt Agnes Heist. Zwar war der Clown schon oft bei ihr, doch daran kann sie sich nicht erinnern. „Ich bin der Clown Albert“, sagt der Clown, „Ich war schon mal da.“ „Ach ja?“ Pause. „Hübsch haben Sie sich zurechtgemacht“, sagt die 88 Jahre alte Dame anerkennend über Schminke und Kleidung. „Nur die Schnute ist etwas entgleist.“

Sangesfreuden

Die älteren Damen, die an diesem Nachmittag in der Wohnküche sitzen, strahlen. Denn der Clown kommt zu Besuch. Und wie so oft wird nach der ausführlichen Begrüßung gesungen. „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“ und „In einer kleinen Konditorei“ ertönen. Frau Jungwirt sitzt dem Clown direkt gegenüber. Mehr als achtzig Jahre hat sie schon hinter sich und ist meist orientiert. Heute wirkt sie besonders aktiv und singt entsprechend laut. Da gesellt sich ein älterer Herr zu der Runde, auch schon knappe achtzig Jahre alt und gut bekannt mit Frau Jungwirt. In einer Liedpause wendet sich Frau Jungwirt an ihren Bekannten. „Übrigens“, sagt sie und zeigt mit dem Kopf in Richtung Clown, „ich geh‘ zusammen mit dem auf Tournee. Und für’s Bett kannst Du Dir auch eine andere suchen.“

Ach, wie ist’s möglich

Frau Dembusch öffnet etwas mühsam die Augen, als der Clown sie anspricht. Doch, über Besuch freue sie sich. Es gehe ihr so „La, la“, sagt sie. Da sei Musik vielleicht nicht schlecht. Der Clown spielt ein langsames Lied auf der Mundharmonika. Nachdem es verklungen ist, sagt sie: „Das hat die Stimmung genau getroffen.“ Ob sie noch ein gesungenes Lied hören möchte? Sie nickt. Da der Clown Frau Dembusch schon lange besucht, weiß er, dass sie das Lied „Ach, wie ist’s möglich dann“ sehr gerne hört. Nun singt er alle drei Strophen. Stille. Dann hebt sie, etwas abgewendet im Bett liegend, den Blick zur Decke und sagt leise: „Lieber Gott, ich danke Dir, dass Du mir ein so schönes Geschenk gemacht hast mit dem Musikanten.“

Alles eine Frage der Gewöhnung

Frau Dembusch ist das, was man eine herzensgute Frau nennt. Aller schweren Vergangenheit zum Trotz, hat sie sich eine heitere Grundstimmung bewahrt. Auch wenn sie inzwischen bettlägerig ist. In dieser Entspanntheit wechselt sie mühelos zwischen Realität und Fiktion. Ob er sie besuchen kann, wird sie vom Clown gefragt – wie schon so oft. Sie wirkt etwas verwirrt, lächelt aber. Und sagt: „Das hier ist unsere neue Grabstätte.“ „Aha.“ „Da hinten haben wir noch eine Zweite. Das ist die von meinem ersten verstorbenen Mann.“ Der Clown fragt: „Ist die Ihnen lieber?“ Längere Pause. „Die hier ist noch etwas ungewohnt.“

Um die Ecke gedacht

Das Bild ist gewohnt, doch immer wieder berührend: Die bald 95 Jahre alte Frau Machowitz, klein und dünn von Statur, liegt zusammengerollt wie eine Katze wieder auf dem Sofa im Gang. Sie ist halt müde. Der Clown hat sie schon oft besucht. Beide mögen sich sehr. Wenn er für sie Klavier spielte, wurde sie immer wieder erstaunlich lebhaft, tanzte gar in ihrem Rollator. Auch heute fragte er sie, ob er wieder spielen solle. „Klavier? Du? Das hast Du mir noch nie erzählt.“ „Soll ich etwas spielen?“ fragt der Clown. „Na, ja“, antwortet sie lächelnd. Der Clown ist ein wenig skeptisch, ob sie alles hört, da das Klavier versetzt um die Ecke steht. Denn mitkommen will sie nicht. „Hören Sie das auch?“ „Na, ja“, antwortet sie. So bringt der Clown das alte Klavier zum Tönen, freut sich bei der Vorstellung, wie Frau Machowitz lächelt. Der letzte Akkord verklingt. Der Clown kehrt zu der alten Dame zurück und fragt: „Hat es Ihnen gefallen?“ Sie schaut ihn erstaunt an und fragt: „Was?“

Außerhalb vom Ruhrgebiet ist doof

Äußerlich erscheint Frau Wegener unauffällig: Adrett gekleidet, recht gangsicher, knappe siebzig Jahre alt. Doch innerlich hat sie der Umzug aus dem geliebten und gewohnten Ruhrgebiet nach Hessen sehr aus den Fugen gebracht: Keine Freunde mehr, kaum Spaziergänge, andere Sprache. Und die Tochter, der Grund des Wechsels, kann auch nicht jeden Tag kommen. In dem Clown, der aus ihrer Heimat stammt, sieht sie einen Verbündeten. An diesem Morgen erscheint die Welt für sie mal wieder grau. „Alle doof hier, alle doof“, sagt sie zum Clown. Der fragt: „Wirklich alle?“ Sofort kommt die Antwort: „Du nich.“ Und beide lachen.